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Grażyna Bacewicz
(1909 Łódź - 1969 Warschau) gehört zu den führenden Vertretern der polnischen Musik unseres Jahrhunderts. Sie studierte in Łódź und Warschau Violine (Józef Jarzębski ), Klavier (Józef Turczyński) und Komposition (Kazimierz Sikorski) und belegte gleichzeitig Vorlesungen in Philosophie an der Universität. 1932 erwarb sie Diplome in Violinspiel und Komposition, 1932-34 vervollständigte sie ihre Ausbildung in Paris bei Nadia Boulanger (Komposition), André Touret und Carl Flesch (Violine). Von 1934 an trat Grażyna Bacewicz in Frankreich, Spanien, Belgien, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, der UdSSR und ihrem Heimatland als Geigerin auf. 1934-35 und dann wieder 1945-46 wirkte sie als Lehrerin am Konservatorium in Łódź. Die Einschnitte durch den Zweiten Weltkrieg kann man hinter Hartmut Lücks Worten erahnen (Neuland, Ansätze zur Musik der Gegenwart, Jahrbuch, Band 4, 1983/84): „Fast wäre das gesamte Frühwerk von Grażyna Bacewicz verlorengegangen: Während des Warschauer Aufstandes von 1944 waren die Nazi-Okkupanten ja bekanntlich damit beschäftigt, die polnische Hauptstadt dem Erdboden gleichzumachen; die noch verbliebene polnische Bevölkerung wurde zwangsumgesiedelt. Während der überstürzten Abfahrt merkte Grażyna, daß sie den Koffer mit allen Manuskripten oben stehengelassen hatte. In ihrer schon damals bekannten, von vielen als übertrieben geschilderten Bescheidenheit machte sie nur eine Handbewegung "Laß fahren dahin!", aber ein Freund rannte doch noch nach oben und holte den Koffer. (Später stellte sich heraus, daß das Haus wie durch ein Wunder stehengeblieben war.)“
1962 wurde sie Präsidentin des Polnischen Komponisten-Verbandes. Von 1966 bis zu ihrem Tode
lehrte sie an der Staatlichen Musikhochschule in Warschau. Bacewiczs schöpferische Arbeit wurde zu Beginn stark vom französischen Neoklassizismus beeinflußt. Später wird eine enge Bindung an die polnische
Folklore deutlich, die vor allem die melodische und rhythmische Diktion prägte. In ihren letzten Jahren wandte sie sich auch zunehmend seriellen Praktiken zu. Ihre Kompositionen zeichnen sich durch meisterhafte
Beherrschung des Orchesterapparates, ausgezeichneten Instrumentalsatz, Weite an Phantasie, Koloristik, Dynamik und Motorik, sowie der Neigung zur Konzentration in der Aussage und damit oft verbundener Knappheit der
Form aus. Grażyna Bacewiczs Schaffen erfuhr eine Reihe von Auszeichnungen, darunter drei polnische Staatspreise, die Olympia-Medaille London 1949, den Preis der UNESCO 1960 und den Zweiten Preis im Wettbewerb Reine
Elisabeth 1965. - Aus ihrem überaus reichen Oeuvre müssen in Zusammenhang mit der Violine 7 Violinkonzerte, 5 Sonaten für Violine und Klavier, 2 Sonaten und mehrere Capricen für Violine solo hervorgehoben
werden. Gerade bei diesen Werken erreichte sie aus der intimen Kenntnis der Instrumente, ihrem Erfindungsreichtum und der kompositorischen Meisterschaft heraus eine glückliche Synthese aus Formgebung, Weite des
Ausdrucks und instrumentengerechter Faktur.
Die von Jenny Abel hier eingespielten Violin-Solo-Werke Grażyna Bacewiczs liegen z.T.
erstmalig auf Tonträger vor. Die Tempi (Adagio – Allegro - Meno mosso - Poco piu mosso - Poco meno mosso – Adagio - Poco piu mosso - Meno mosso - Presto) der 1958 geschriebenen (nach den beiden 1929 und 1938/39
komponierten Violin-Solo-Sonaten nun eigentlich dritten) Sonata per Violino solo gehen ohne Zäsur ineinander über. Inhaltlich sind sie im Wesentlichen aus identischem Material geformt, auffällig besonders in Sekundreibungen und Sekundschritten, aber auch in weniger wahrnehmbaren Nuancen variiert. Die Sonate, besonders das Presto, zeichnet sich durch große Virtuosität aus. Dasselbe gilt auch für die Vier Capricen (1968), in denen neben der obligaten Artistik und kapriziösen Elementen auch Momente der Abgeklärtheit, vielleicht auch der Rückschau auf ein Geigerleben und einer möglichen Verklärtheit aufscheinen. Die Polnische Caprice (© 1950) und die II. Caprice (©
1952) sind Beispiele en miniature für Spielwitz, Phantastik, geigerische Bizzarerie und Erweiterung der instrumentalen Ausdrucksmittel.
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