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Johann Paul von Westhoff
Sechs Suiten für Violine solo (1696 !!!)
Weltersteinspielung des gesamten Zyklus durch Friedemann Amadeus Treiber!
Das ist eine der ungewöhnlichsten
Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte!
Fast ZWEIHUNDERTFÜNFZIG JAHRE war die bis heute EINZIGE greifbare, 1696 (!!!) gedruckte Ausgabe verschollen! Der vorliegende Zyklus war bisher praktisch unbekannt.
Das bisher sich als Unikum erweisende Exemplar liegt seit 1913 in der südungarischcn Stadt Szeged, in der Städtischen Somogyi-Bibliothek (Signatur: F.h. 999). Es
handelt sich um ein 30-seitiges Heft in Querformat, kupfergestochen. Leider fehlt das erste und das letzte Blatt des Heftes; so ist die Gigue der sechsten Suite nur ein
Fragment, und auch das Titelblatt ist abhanden gekommen. Der Originaltitel ist daher unbekannt. Vorhanden ist aber die vollständige französische Widmung an die sächsische
Königin Christine Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, die den Namen des Komponisten enthält und auch über das Datum der Veröffentlichung Aufschluss gibt: Dresden, 6. Juli 1696.
Weitere FÜNFZIG bedurfte es, bis von den sechs Solo-Suiten, dem ersten umfangreichen Beispiel extremen polyphonen Violinspiels eine moderne Umschrift erstellt und zusammen mit dem Faksimile veröffentlicht wurde.
Eine der beiden modernen Ausgaben wurde von Dr. Manfred Fechner und Dr. Wolfgang Reich erstellt.
Und noch einmal fast 30 Jahre verstrichen, bis die erste vollständige Einspielung dieses Zyklus aufgenommen wurde.
Musik wird. Sie ist nicht." (A. Weissmann: Der Dirigent im XX.Jahrhundert. Berlin 1925)
Unter den neun Musen ist Clio - "die Rühmende", die Muse der
Geschichtsschreibung - bei weitem die kapriziöseste und ungerechteste, auch und vor allem, was ihre Behandlung von Musikern betrifft: dem einen, der zu
Lebzeiten kaum bekannt oder anerkannt war, vergönnt sie posthum die größten und dauerhaftesten Erfolge, während ein anderer sich im Glanze des
Ruhms sonnen darf, solange er auf Erden wirkt und wandelt, dafür aber in um so tiefere Vergessenheit stürzt, sobald Gevatter Tod ihm die Feder aus der Hand genommen hat.
Wer kannte denn - von Bachs Bearbeitungen einmal abgesehen - Antonio Vivaldi, bevor 1926 ein Sensationsfund in einem Piemonteser Salesianerkloster mehrere Bände seiner Werke zutage förderte? Wer wußte
etwas von Jan Dismas Zelenka, bevor 1978 bei der Archiv Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft jene spektakuläre Einspielung seiner Orchesterwerke mit der Camerata Bern erschien, die den Komponisten
schlagartig berühmt machte? Und wer kannte wohl bis jetzt den Bach-Zeitgenossen Johann Paul von Westhoff...? Bis Wolfgang Wendel und Friedemann Amadeus Treiber sich der sechs
Solo-Suiten des Vergessenen annahmen, war auch für mich der Name "Westhoff" kaum mehr als eine Marginalie in einigen Lexika (die Sie im
Booklet dieser Ausgabe nachlesen können). Als ich dann allerdings einen Roh-Schnitt der vorliegenden Aufnahme hören konnte, ging es mir wohl ein
bißchen ähnlich wie dem Musikwissenschaftler Alberto Gentili, als er 1926 die ersten Konvolute mit Werken Vivaldis studierte: Wie um alles in der Welt konnte eine solche Musik bislang unentdeckt bleiben?!
Egal. Wichtig ist, daß sie es nun nicht mehr ist. Und daß diese Aufnahme vielleicht eine ähnliche Westhoff-"Renaissance" auslöst wie vor einem Viertel
Jahrhundert die Zelenka-Einspielung. Musik braucht solcher Anstöße, um zu klingender Wirklichkeit zu erwachen. Und denen, die sie im Falle Westhoffs gegeben haben, sei hier dafür gedankt.
Michael Stegemann
Appell an Ihre Phantasie
Stellen Sie sich vor: Ein 18-jähriger junger Mann - mit 10 Jahren verwaist, bei einem Bruder, einem Organisten, aufgewachsen - so unbremsbar musiksüchtig, dass er als Halbwüchsiger nachts eine vom Bruder streng
verwahrte Sammlung von Orgel- und Klavierstücken abschrieb, früh im Kirchenchor mitsang, nach dem Stimmbruch sich auf Violin-, Orgel- und Cembalospiel verlegte, autodidaktisch zu komponieren anfing, in den Ferien
400 km zu Fuß nach Hamburg wanderte, um den Organisten Reinken sowie „Deutsche Opern“ zu hören, in Celle Lullys Musik gierig aufsog, weiterhin noch
und noch Musik „berühmter Komponisten“ abschrieb, um sich „die ganze Vielfalt der abendländischen Satzweisen und Formen“ anzueignen - dieser
junge Mann nun findet 1703 an einem herzoglichen Hof für 6 Gulden und 18 Groschen pro Quartal Anstellung als Lakei, verbunden mit der Verpflichtung, auch in der „Kammermusik“ des Brotherrn Dienst zu tun.
Und als “Sensation”: einer der größten deutschen Violinvirtuosen seiner Zeit ist im kaum 100 Meter entfernten Schloß des Bruders seines Brötchengebers
im Hoforchester tätig. Es muß für den flügge werdenden Jüngling unfaßbar gewesen sein, was der prominente 47-jährige Virtuose auf der Geige leistete.
Zwei-, drei- und vierstimmiges Spiel gehörte - bei völligem Verzicht auf den zeitüblichen „Zirkus“ - zu dessen Leidenschaften. Denken wir daran: 1688 brüstete sich Johann Jacob Walther, er könne auf
seiner Violine einen „ganzen Geigenchor, dazu eine tremolierende Orgel, eine Gitarre, einen Dudelsack, zwei Trommeln und Pauken, eine Drehleier und eine
sanfte Harfe“ nachahmen! Biber hinterließ ganze musikalische Bestiarien und Mysteriensonaten; Schlachtengemälde waren an der Tagesordnung. Vom
Herrscher finanzierte Musiker hatten zu unterhalten und zu repräsentieren! Und nun saß da in der benachbarten Residenz ein Geiger, mit einem abenteuerlichen Lebenslauf - er hatte in Ungarn an einem Türkenkrieg
teilgenommen - und versuchte ohne Rücksicht auf spieltechnische Schwierigkeiten auf der Violine Musik zu erzeugen, die nur deren inneren Gesetzen folgte. Man durfte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, diese
Koryphäe zu hören und zu sehen! Unser junger Mann wusste noch nicht so genau, wohin ihn sein weiteres Leben führen würde. Er mag dunkel geahnt
haben, was er 35 Jahre später so formulieren konnte: „Aller Music ... Finis und Endursache ... (solle) ... anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und recreation des
gemüths sein. Wo dieses nicht in Acht genommen wird, da gibt’s keine eigentliche Music, sondern ein Teuflisches Geplerr und Geleyer.“ - Der
unbegreifliche puritane Virtuose neben ihm hatte gezeigt, dass mehr möglich sein musste, als ihm seine derzeitige Phantasie offenbaren konnte.... Zurück auf den Boden
Sie haben sicher gemerkt: Der junge Mann war Johann Sebastian Bach, der prominente Geiger Johann Paul von Westhoff. Bach wirkte im „Roten Schloß“ in der „Cammer-Musik“ von Herzog Johann
Ernst III. von Sachsen-Weimar (1664-1707), Westhoff als Violinvirtuose und Sprachmeister in der Wilhelmsburg in der Hofkapelle von Wilhelm Ernst von
Sachsen-Weimar (1662-1728). Wir wissen nicht, was sich 1703 in Weimar zwischen Westhoff und Bach wirklich zutrug. Bach und Westhoff konnten sich bei den begrenzten lokalen Verhältnissen
nicht aus dem Weg gehen, sie hatten kaum die Chance, sich nicht zu begegnen! Normale Lebenserfahrung legt zwingend nahe, dass Bach alles daran setzte, Westhoffs Kunst - und seine Kompositionen - so weit wie möglich
kennen zu lernen und Anregungen daraus zu ziehen. Dass Bach seinen eigenen Weg gehen würde, steht ebenso außer Frage. Wenn wir uns über die Entwicklungsgeschichte des deutschen Violinspiels vor
Bach kundig machen wollen, begegnen uns als Hauptvertreter die Geiger-Komponisten Walther, Biber, Schmelzer, Westhoff und Pisendel, wobei Westhoff ausdrücklich bescheinigt wird, das polyphone Spiel auf der
Solo-Violine sogar über Bach hinaus vorangetrieben zu haben. Was aber kennen wir insbesondere von Pisendel und Westhoff, die beide mit Bach in Kontakt kamen?
Pisendel galt neben Vivaldi als der beste Geiger seiner Zeit. Seine Solo-Sonate wird so gut wie nicht gespielt, obwohl sie nahe an die - später geschriebenen -
Solowerke Johann Sebastian Bachs herankommt. - Hier mache ich Sie natürlich auf eine Live-Aufnahme mit Jenny Abel aufmerksam! (Podium WOW-001-2)
Und Johann Paul von Westhoff? Er hat ein Vierteljahrhundert vor Bach einen Zyklus von sechs Suiten für Violine solo komponiert und im Druck erscheinen lassen!
Nachdem ich während der Vorbereitung vorliegender Einspielung Westhoffs Suiten wieder und wieder gehört habe, messe ich diesem Zyklus ohne jeden Zweifel die Rolle eines „missing link“ auf dem Weg zu Bachs
Violin-Solo-Werken zu. Es ist geradezu faszinierend zu erleben, wie ein Musiker keine Mühen scheut, die Grenzen des auf einer Solo-Violine
realisierbaren polyphonen Spiels weit hinaus zu schieben und im Gegensatz zu seinen früheren Solo-Suiten, resp. deren Weiterführung sich „absoluter Musik“ zu nähern.
Gewiss, Westhoff benutzt im Gegensatz zu Bach ausschließlich die bereits tradierte Satzfolge. Es ist auch müßig zu spekulieren, „wie weit“ Westhoff noch
gekommen wäre. Aber man beginnt zu begreifen: Dieser Weg musste zu Bachs Sonaten und Partiten führen!
Und DIESER ZYKLUS mit den sechs richtungweisenden Suiten liegt nun erstmalig in der Tonträgergeschichte K
KOMPLETT vor!
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STEREOPLAY-Rezension
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Vor einigen Wochen spielte Kolja Lessing an der Musikhochschule Stuttgart den kompletten Westhoffschen Suiten-Komplex.
Es ist die erste mir bekannte Gesamtdarstellung “LIVE” auf dem “heißen Podium”.
Der bei dem Konzert ebenfalls anwesende Ingolf Turban bezeichnete den Abend als “sensationell” - und zwar unter den Gesichtspunkten einen so
singulären Vorläufer zu Bach überhaupt wieder in unseren Gesichtskreis zu bringen UND diese spieltechnisch teilweise unglaublich schwierigen Suiten auswendig darzubieten.
Kolja Lessing wird diesen Zyklus in absehbarer Zeit auf CD aufnehmen.
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