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 Alois Příhoda leitete in Prag eine Musikschule (Details s. POL-1006-2). Für seinen Sohn Váša Příhoda, geboren am 22. August 1900 in Vodnany, gehörte Musik von allem
Anfang so selbstverständlich zu seiner Umwelt wie für andere Kinder der elterliche Bauernhof mit Kühen, Schweinen, Hühnern und Feldern oder die Metzgerei,
Schmiede, Schneiderei usw. Musik war einfach da. Sie bestimmte die Entwicklung seines Denkens und Fühlens
in ganz entscheidendem Maße mit. Mit drei Jahren spielte er zum ersten Male ein Lied auf einer Blechfiedel. Der
Vater jedoch überließ ihn noch bis zu seinem fünften Lebensjahre sich selbst. Bis dahin entwickelte sich sein
Verhältnis zur Geige als Ausdrucksmittel so selbstverständlich weiter wie seine Muttersprache. Auf ihr wusste er schon früh seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. In späten Jahren erinnerte er sich, dass er als Kind
langsame Sätze aus Mozarts Violinkonzerten oft nicht zu Ende spielen konnte, weil ihn diese Musik durch sein eigens Musizieren zum Weinen brachte. Nach einigen Jahren Unterricht bei seinem Vater kam er 1910 zu Professor Marak nach Prag. Zur Vorstellung spielte er Sarasates Zigeunerweisen
und Mendelssohns e-moll-Konzert. Am 30. September 1912 absolvierte er mit Mozarts D-dur-Konzert, Vieuxtemps Ballade et Polonaise, Sarasates Romanza
andaluza, Smetanas ‘Aus der Heimat‘, sowie Stücken von Dvořák und Fibich seinen ersten öffentlichen Auftritt. Nach einer Reihe weiterer Konzerte spielte er
am 12. Dezember 1913 zum ersten Male im Mozarteum zu Prag. Auf dem Programm stand u.a. Beethovens ‘Frühlings-Sonate‘ und Tartinis ‘Teufelstriller-Sonate‘. Während des Ersten Weltkrieges konnte er durch
gelegentliche Konzerte zum Unterhalt der Familie beitragen. So trat er 1915 dreimal im Prager Smetana-Saal, davon zweimal mit Paganinis D-dur-Konzert.
Nach dem Krieg versuchte er sich als konzertierender Künstler, ohne dass sich ein nennenswerter materieller Erfolg einstellte. Nach einer Tournee durch die Schweiz nahm ihn sein Impresario Richter - zusammen mit der Pianistin Asta Doubravska - mit nach Mailand. Als Unbekannter in einem nach dem
Ersten Weltkrieg verarmten Land wartete er vergebens auf Erfolg. Ein Abstecher nach Jugoslawien brachte genau so wenig Fortschritte. Ein selbst finanziertes Konzert
in Triest brachte zwar gute Kritiken, aber kein Honorar. Nach Mailand zurückgekehrt, spitzte sich seine finanzielle Lage gegen Jahresende dramatisch zu. Die Wende kam
am 27. Dezember 1919 im “Café-Ristorante GRANDE ITALIA“ in Mailand. Nach Prihodas Zeugnis weilte Arturo Toscanini unter den Gästen. Sein Urteil “Paganini konnte nicht besser spielen“
machte die Runde. Příhodas italienischer Manager Frattini konnte ihm für die nächsten 5 Monate 84 Konzerte beschaffen. Am 12. Juni 1920 reiste Váša Příhoda von Genua aus nach Südamerika. In dieser Zeit
war Asta Doubravska seine Klavierpartnerin.
Nach Konzerten in Buenos Aires und Sao Paolo wagte er den Sprung in die USA.
Seine Konzerte in der Carnegie Hall, Chicago, Detroit, Cleveland und andren großen Städten brachten ihm endlich den ersehnten Erfolg. N. Franko: “ Váša Příhoda ist der
beste Spieler, den ich je gehört habe.“ Wilson Smith: “Intuitive Genialität, besser als Heifetz.“ Doch als Příhoda Gelegenheit hatte, Heifetz zu hören, wurde ihm bewusst, was ihm
noch bevorstand. Nach seiner Rückkehr mietete er sich in St. Wolfgang am Wolfgangsee ein Zimmer und begann wie ein Besessener zu üben. Seine damals entstandene Bearbeitung der Paganinischen “Nel cor piu non mi sento“ - Variationen muss ihm dabei zum fetischhaften Garanten für ein
funktionierendes Spiel geworden sein. Jedenfalls begleiteten ihn diese Variationen als fester Repertoire-Bestandteil bis an sein Lebensende. Von den Strapazen seines regen Reiselebens versuchte er sich
hin und wieder auf seinem eigenen Anwesen zu erholen, den er sich auf Anraten seines Vaters in der Nähe von Prag erworben hatte. Mitte der Zwanziger Jahre lernte er in Wien Arnold Rosé kennen.
1930 heiratete er dessen Tochter Alma Rosé. Die Ehe wurde 1935 geschieden. (Von 1937 bis 1943 war Váša Příhoda wiederum mit einer jüdischen Frau verheiratet. Man mag heute
spekulieren, ob Váša Příhodas Verhalten Zivilcourage oder politischer Naivität entsprang — ich selbst tendiere aufgrund privater Schilderungen zur ersteren.
Alma Rosé wurde 1943 — also 8 Jahre nach der Scheidung von
Příhoda - von den Deutschen in Frankreich gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert, wo sie bis zu ihrem Tod am. 4.4.1944 das dortige Mädchenorchester leitete. Váša Příhoda erfuhr erst nach Kriegsende von
Almas Schicksal. Diese Hintergründe zu erwähnen erscheint mir angebracht, da bis zum heutigen Tage für die Trennung zwischen Váša Příhoda und Alma Rosé noch immer opportunistische Gründe angeführt werden, die
jeder Grundlage entbehren. Gleichzeitig darf ich auf POL-1007-2 hinweisen, die die einzige existierende
Aufnahme mit Alma Rosé enthält und in deren 48-seitigem Textheft das Thema Alma Rosé ausführlich behandelt wird).
Um die Jahreswende 1935/36 wirkte Váša Příhoda — neben Isa Miranda, Attila Hörbiger und
Gustav Dießl – bei dem österreichisch - italienischen Gemeinschaftsfilm “Die weiße Frau des Maharadscha“ (italienischer Titel: “La donna tra i due mondi“) mit, worin er einige
Schmonzetten, aber auch einen Auschnitte aus Paganinis Sonatine op. 3 Nr. 6 und dem Sextett aus Donizetti/St. Lubeins “Lucia di Lammermoor” spielt. Regisseure waren Rabenalt für die
deutsche Fassung, Alessandrini für die italienische Fassung. Die deutsche Fassung lagert - Ton- und Bildspur getrennt - im Bundesarchiv in Berlin. Von
einem “Moviestar”, wie ihn Richard Newman (wegen seines Wirkens im “DrittenReich”) bezeichnet, kann dabei keine Rede sein.
Der Zweite Weltkrieg schränkte Příhodas Konzerttätigkeit drastisch ein. Doch gab ihm dies Gelegenheit, seine
Lehrtätigkeit zu intensivieren. Jürgen Hinrich Hewers, ehemaliger Konzertmeister beim Gewandhausorchester Leipzig und beim Berliner Sinfonieorchester, daneben Dozent an der Musikhochschule “Felix
Mendelssohn-Bartholdy“ Leipzig, gab mir dankenswerterweise eine Schilderung aus jener Zeit: “Wer Váša Příhoda nur vom Konzertpodium her kannte, wusste einfach zuwenig von diesem Außenseiter unter den
hervorragendsten Geigern seiner Zeit. 1943 konnte ich durch die Hilfe von Otto A. Graef noch in letzter Minute auf
die Teilnehmerliste des Příhoda -Sommerkursus am Mozarteum gesetzt werden. Ich traf dort einen Musiker, der
sich zwar seines Wertes voll bewusst war, der aber andererseits auch deutlich seine Grenzen kannte. Es ist müßig darüber zu reden, was wir alle geigentechnisch von ihm lernen konnten. Musikalisch war er jedoch ein
Einzelgänger, der in seiner überzeugenden Interpretation kaum vergleichbar schien. Wenn er einem musikalische
Ratschläge erteilte, dann wäre es verhängnisvoll gewesen, ihn zu kopieren. Es genügte ihm aber auch, wenn man seine Vorschläge modifiziert zu Anwendung brachte. Dafür gab es manchmal sogar ein
Extralob. Váša Příhoda nahm uns Kursteilnehmern durch sein verständnisvolles Verhalten jede anfängliche Befangenheit. Auch außerhalb der fachlichen Arbeit hatten wir die Möglichkeit, mit ihm
zusammenzutreffen. So fanden wir uns abends zur Bierrunde im Sternbräu ein oder wanderten am Sonntag gemeinsam auf den Gaisberg. Wer andere Prominente kennt, weiß,
dass das alles nicht selbstverständlich ist. Wie er auf uns einging und wie er sich mit uns befasste, konnte ich neun
Jahre später in Leipzig erfahren. Dort suchte ich ihn nach einem Konzert auf und hatte mich darauf vorbereitet, auf
Salzburg 1943 hinzuweisen. Als ich jedoch das Künstlerzimmer betrat, kam er in gewohnter Herzlichkeit auf mich
zu und sprach mich mit meinem Namen an. Als Pädagoge war er sicher auch ein Sonderfall. Er engte in keiner
Weise ein. Wenn es gut war, durfte es auch anders sein, als er es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Außerdem
war es ihm ein besonderes Anliegen, befähigte Schüler auch zu fördern. - Der konzertierende Musiker wird leider
meist schnell vergessen. Diejenigen aber, die Váša Příhoda näher gekannt haben, konnten für ihr weiteres Leben
bleibende Anregungen und Eindrücke mitnehmen, die sie sicher erst bei ihrem späteren eigenen Wirken im vollen Umfang schätzen lernten. Flensburg, 15.7.1995“
Sein letztes heimatliches “Kriegs-Konzert“ fand am 31. März 1944 im Smetana-Saal des Repräsentationshauses statt. 1944 gab er noch Konzerte in München, Nürnberg, Dresden und Leipzig (18. Mai 1944 mit dem Pianisten
Gonnermann). Das Kriegsende bedeutete jedoch keine Verbesserung seiner Lage. Das Zentralkomitee der Stadt Prag nahm verurteilte ihn wegen seines Auftretens in Deutschland zunächst zu einer Geldstrafe und belegte ihn
später für die Tschechei mit Auftrittsverbot. Die Wiener Presse erreichte durch gezielte diffamierende Kampagnen,
in denen sie ihm die Schuld am Tod seiner ersten Frau gaben, dass Příhoda zunächst keine Engagements mehr
erhielt und bereits vereinbarte Konzerte abgesagt wurden. Noch 1946 wurde Příhoda in der Tschechei und in
Osterreich voll rehabilitiert. Nach Konzerten in der Slowakei und in Paris emigrierte Příhoda am 27.10.1946 ins
italienische Rapallo. Mit Konzerten in Alexandria, Ankara, Istanbul und in Italien konnte er an die früheren Erfolge anknüpfen. Die italienischen Behörden jedoch bereiteten ihm in Zusammenhang mit den erforderlichen
Passverlängerungen zunehmend Schwierigkeiten. Diese Querelen hatte er bald so satt, dass er im Oktober 1948
die türkische Staatsbürgerschaft annahm. Während dieser Periode stellten sich die Herzbeschwerden ein, die ihn
später noch sehr beeinträchtigen sollten. Im Januar 1949 konzertierte er wieder in den USA, danach in der Schweiz, Deutschland und Österreich. 1950 nahm er eine Professur in Wien an. Privat wohnte und lehrte er in St. Gilgen am Wolfgangsee, das er von seinem früheren Aufenthalt in dieser
Gegend in angenehmer Erinnerung hatte. Im Juli 1954 schien sich eine Katastrophe anzubahnen: Příhoda brach sich in Salzburg bei einem Unfall den rechten Oberarm. Der komplizierte Bruch
erforderte langwierige und folgenschwere stationäre Behandlung. Die psychischen und physischen Belastungen und sein wieder akut werdendes
Herzleiden hinterließen nie mehr ganz behebbare Schäden. Příhoda konnte zwar bereits im Januar 1955 wieder konzertieren, aber seine angeschlagene Gesamtverfassung zwang ihn zur
Einschränkung seiner Tätigkeiten. Er übersiedelte nach Wien, um das dauernde Pendeln zwischen Wohnort der Musikhochschule zu vermeiden. Mit einer legendär gewordenen Aufführung des Violinkonzertes
von Dvořák am 30. Mai 1956 in der Prager Smetana-Halle
kehrte er im Rahmen des Musik-Festivals “Prager Frühling 56“ – nach zwölfjähriger Abwesenheit - noch einmal an die Quellen seines Musikertums zurück. Er wurde mit einer der größten
Ovationen empfangen, die dieser Saal in seiner Geschichte zu verzeichnen hatte. Nicht eingelassene Musikfreunde kletterten an den Fassaden hoch und stellten sich in die Fensteröffnungen.
Zusammen mit dem stehenden Orchester hießen ihn die Besucher im völlig überfüllten Saal durch einen viertelstündigen Applaus willkommen. Váša Příhoda beendete den Beifallssturm
mit kurzem Dank, damit das Konzert überhaupt beginnen konnte. Nicht weniger bejubelt wurden zwei weitere Rezitale am 5. und 7. Juni im “Hause der Künstler“. Dieses Prager Konzert war einer der letzten Höhepunkte in seinem Leben. 1958 nahm er in Italien
noch einige Schallplatten auf, darunter die unvermeidlichen “Nel cor piu nun mi sento“-Variationen von Paganini. Im April 1960 gab er die letzten Konzerte. Am 27. Juli 1960 erlag er, kurz vor dem 60.
Geburtstag, seinem Herzleiden. Die Geigerwelt hatte einen ihrer maßgeblichsten Vertreter und darüber hinaus einen der herzlichsten Menschen verloren. Zu seinen noch heute gültigen Leistungen gehören vor allem das Violinkonzert, die ‘Romantischen Stücke‘ und G-Dur-Sonatine von Dvořák, Smetanas ‘Aus der Heimat‘,
Tschaikowskys Violinkonzert, Tartinis Teufelstriller-Sonate mit einer unglaublich gespielten eigenen Kadenz, Bachs Chaconne, seine eigene Bearbeitung des Rosénkavalier-Walzers von
Richard Strauss, Paganinis ‘Nel cor piu nun mi sento-Variationen, sowie eine ganze Reihe unnachahmlich vollkommen gespielter Stücke der “Kleinkunst“, die er damit aus dem Bereich des blendenden Geklingels auf die
Seite ungetrübter Freude herüberhob. Musikfreunde, und unter ihnen vor allem die Geiger, erinnern sich auch noch nach einem halben Jahrhundert mit einer Mischung aus Dankbarkeit und
Wehmut an seine Darstellungen der Konzerte und Sonaten von Paganini, Veracini, Beethoven, Brahms, Sibelius, Franck, Schumann. Dankbarkeit - weil sie durch Váša
Příhoda unvergeßbare Eindrücke empfingen. Wehmut: weil wesentliche Teile von Příhodas Repertoire nicht auf Tonträger festgehalten wurden.
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