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Váša Prihoda, Arnold und Alma Rosé
Arnold Rosé
(1863-1946), Schwager Gustav Mahlers, war 57 Jahre lang Erster Konzertmeister der Wiener Hofoper und - mit Unterbrechungen - der Wiener Philharmoniker.
Tochter Alma Rosé
(1906-44) - von 1930 bis 1935 mit Váša Příhoda (1900-60), einem der größten Geiger des 20. Jahrhunderts, verheiratet - leitete von 1943 bis zum
Tod am 4.4.1944 das Frauen-Orchester Auschwitz
Ausgelöst durch Arbeiten zu Příhoda suchte ich ab 1970 nach Informationen zu Alma Rosé und dem
Frauen-Orchester. Das 1980 veröffentlichte Buch „Das Mädchen-Orchester von Auschwitz“ von Fania Fénelon - ehemaliges Orchester-Mitglied – stellte sich in weiten Teilen leider als unhaltbar heraus.
Zuverlässige Auskünfte bekam ich ab 1986 vom Auschwitz-Museum, ab 1995 von den ehemaligen Orchester-Mitgliedern Helena Niwinska,
Zofia Cykowiak, Esther Bejarano, Anita Lasker-Wallfisch, Hélène Scheps, Violette Jacquet und Flora Schrijver, sowie Margita Schwalbová,
Häftling und Ärztin in Birkenau. Ihnen kann ich für ihr Entgegenkommen und ihre Hilfsbereitschaft kaum gebührend danken! Ohne weitere
Kommentierung versuche aus originalen Zeugnissen ein möglichst authentisches Mosaik zusammenzusetzen.
Margita Schwalbová: „Der erste Versuch im Frühjahr 1943 eine Lagerkapelle im Frauenlager zu errichten endete kläglich .. Kurze Zeit
später verbreitete sich die Nachricht, daß eine neue Kapellmeisterin kam und am Sonntagnachmittag sollte das erste Konzert stattfinden ...
Schon bei den ersten Takten hielten wir den Atem an. Die Töne, die aus der Geige der neuen Kapellmeisterin erklangen, waren eine längst
vergessene Welt: Tränen, erstarrt am Rande eines undurchlittenen Schmerzes, ein Lächeln, weggeweht vom Sturm tausender Toten .. „Wer ist das?“ Irgendwoher kam die Antwort: „Alma Rosé.“
Gleich nach der Ankunft wurde sie für den Block 10 .. ausgewählt, in dem hauptsächlich Sterilisationsversuche gemacht wurden ...
Eines Tages hatte die Blockärztin Geburtstag und die Blockälteste erwähnte, sie möchte gerne etwas Musik: „Kann jemand Geige spielen?“
Alma meldete sich .. ihr Spiel wurde zu einer Entdeckung für die Häftlinge und auch für die SS. Einige Tage später wurde sie als
Kapellmeisterin nach Birkenau überstellt .. Sie stellte eine Kapelle zusammen aus Mädchen - Amateurinnen, die zu Hause zwei bis drei
Jahre spielen gelernt hatten. Sie instrumentierte selber für das ganze Orchester und übte außer den Pflichtschlagern Opernarien, Dvorak, Chopin, Tschaikowsky ..
„Am Anfang veranstaltete sie jeden Sonntag Konzerte in ihrem Block. Die Erinnerung an sie ist eine der Schönsten. Die SS verbot sie. Alma
erwirkte etwas anderes. Jeden Sonntagmorgen war ein Konzert in der Sauna ... Tausend, vielleicht auch mehr Häftlinge, strömten .. vor
Beginn in die Sauna und während des Konzertes herrschte hier eine Stille wie in einer Kirche. Es waren die feierlichsten Momente im Lager.“
Milan Kuna
über eine Deportation am 18.8.43: „Alma Rosé kam, um zum Abschied der Frauen zu spielen, denn sie unterhielt .. ein gutes
Verhältnis zu diesen Tschechinnen. Das lag vielleicht daran, daß sie einmal mit dem tschechischen Geigenvirtuosen Váša Prihoda
verheiratet gewesen war .. An diesem Abschiedsabend .. spielte Alma Rosé eine Sonate von Bach für Violine solo und einige eingängigere Stücke wie beispielsweise Montis Tschardasch oder Sarasates Zigeunerweisen.“
Margita Schwalbová: „Am 3. April (44) kam jemand .. zu berichten, daß Alma Fieber habe: Ich eile zu ihr. Sie liegt mit fieberndem Gesicht,
klagt über Kopfschmerzen und über Erbrechen. Ihr Fieber stieg auf 39,4 Grad, keine anderen Symptome ... „ich habe Wodka getrunken“ ...
Alkohol im Lager war meistens Methylalkohol. Mittags ist Almas Zustand unverändert ... nach dem Abendappell eile ich wieder zu ihr ...
Alma erkennt mich nicht, sie ist tief bewußtlos, ihre Temperatur sinkt unter Normal und sie hat meningeale Symptome. Ihr Körper ist mit
kleinen Blutergüssen übersät, und automatisch greift sie nach ihrem Kopf .. Ist es schwerer Flecktyphus, Gehirnhautentzündung, oder eine
Vergiftung? Wir machen eine Magenspülung. Ich bleibe die Nacht hindurch bei Alma, fühle ihren Puls, verabreiche Herzmittel. Alma bleibt bewußtlos, unruhig, die Augen weit offen, suchend.
Die Kameradinnen trugen Alma aufs Revier auf Block 4. Es war der 4. April 1944. Alma hatte kein Fieber, aber die meningealen Symptome
dauerten an und die Hautblutungen nahmen zu. - Zeitweilig ist Alma bei Bewußtsein.. Eine Lumbalpunktion .. nachmittags .. ergibt einen
klaren Liquor. Alma ist bei Bewußtsein und hält meine Hand. „Alma, bald wirst du wieder gesund sein, du mußt um deiner Musik willen
gesund werden!“ Ein leises Lächeln, voll schmerzlicher Resignation folgt. Dieses Lächeln erstarrt auf ihren Lippen ... Weit klaffen die
Pupillen .. Die Hände winden sich in Krämpfen und die Finger scheinen das große Unbekannte verscheuchen zu wollen: ein epileptischer
Anfall .. Ein Augenblick der Ruhe folgt. Dann mehren sich die epileptischen Anfälle, werden stärker. Verzweifelte Hilfsversuche ... niemand
glaubt mehr an ihren Erfolg ... Alma: eine klare, leuchtende Stirn, gesenkte Augenlider und still klingendes Lächeln der Lippen. Weiße, unwahrscheinlich schlanke Finger in unbekannte Fernen weisend...“
Halina Zombirt,
Pflegerin im Krankenrevier, 1987 an Zofia Cykowiak: „Die Nachricht von .. der Methylalkoholvergiftung brachte unsere
Nora .. Die nächste .. mit gleicher Diagnose war Frau Schmidt ... An der Veranstaltung .. brachte Schmidt noch eine Flasche, eben diese
verhängnisvolle, von der sich die beiden vergiftet haben ... Sektion hat es keine gegeben. Ich erinnere mich daran, daß ihr Leichnam auf
den Hockern lag, mit einem Laken bedeckt. Es war vor dem Block und ... vor dem Appell wurde er ins ... Totenhaus gebracht ...“
Helena Dunicz-Niwinska: „Ich wußte, daß sie eine berühmte Violinistin ist, weil ich sie schon vor dem Kriege - 1932 - in Lwow zusammen
mit Váša Prihoda mit Bachs Violin-Doppel-Konzert gehört hatte .. Sie war sich auch im Lager ihrer Meisterschaft bewußt. Bei "großen
Besuchen" .. hatte ich immer den Eindruck, daß sich Alma voll Würde halte, gar nicht servil, wie es Fania schreibt. Die Momente, wenn sie
mit Solostücken auftrat, erschienen für uns wie das Übertreten in eine andere Welt“
Anita Lasker-Wallfisch
in ‚Ihr sollt die Wahrheit erben‘: „Sie selbst war eine erstklassige Geigerin. Vor allem aber war sie eine starke
Persönlichkeit. Sie wurde bedingungslos respektiert ... Wenn es je jemanden gegeben hat, der einer nahezu unmöglichen Aufgabe
gegenüberstand, dann war sie es ... Ich war gerade aus dem Kranken-Revier zurückgekommen, wo ich wie durch ein Wunder den
Flecktyphus überlebt hatte ... Ich hörte schlecht, sah schlecht und spielte schlecht. Falsche Noten waren nicht erlaubt, also wurde ich
bestraft und mußte den Fußboden wischen ... ich war wütend, ich habe sie dafür gehaßt. - Aber, so merkwürdig es auch klingen mag,
heute, nach all den Jahren .. habe ich nichts als Bewunderung für Almas Haltung ... Wer von uns überlebte, verdankte es vor allem ihr. Sie
duldete nichts Zweitklassiges. Das höchste Lob .. : »Das wäre gut genug für meinen Vater gewesen .. « Überhaupt sprach sie sehr oft von
ihrem Vater, und immer wieder sagte sie: »Wenn irgendeine von uns hier überleben sollte: sucht meinen Vater. Er lebt in London .. erzählt
ihm von uns .. « - Ich konnte ihren Wunsch erfüllen und verbrachte ein paar Stunden mit Arnold Rosé als ich nach London kam. Wir sprachen über Alma, und ich schonte ihn so gut wie möglich. Bald darauf (Anm.: 25.8.46) starb er selbst.“
Violette Jacquet:„Ich .. war in einem Zustand extremer Schwäche .. konnte das Schritt-Tempo meiner Kameraden nicht mithalten und
folgte ihnen in etwa dreißig Metern Abstand. Als Franz Hössler mich .. bemerkte, hielt er neben Alma an und fragte sie, wer diese „Muselmane“ (Lagersprache: Bezeichnung für extrem erschöpfte, ausgezehrte Häftlinge) sei, die nicht folgte.. "Das ist eine meiner besten
Geigerinnen!" Das entsprach nicht der Wahrheit, denn ich war eine der weniger guten. Er genehmigte, mir die "Diät" zu "erhöhen .. Wahrscheinlich habe ich dank dessen das Lager überlebt..“
Hélène Scheps:„Alma war eine große Künstlerin .. Sie hat mich viele Dinge gelehrt und vor allem, und dafür werde ich ihr für immer
dankbar sein, gelang es mir manchmal zu vergessen, daß ich mich in der Hölle befand, dank der Konzentration, die Alma forderte, damit die
"Musik" unsere einzige Herrin sei. Denn für Alma zählte nichts außer der "Musik" ... Ich weiß nicht, wie sie bei der SS durchsetzen konnte,
daß wir nicht draußen zum Appell antreten mußten ... Wir hatten manchmal das Recht auf eine Dusche, wir wurden nicht geschlagen. Diese Privilegien haben es einigen von uns erlaubt zu überleben..“
Flora Schrijver: „Mit zwei anderen wurde ich aus 150 Frauen ausgewählt und zur Dirigentin Alma Rosé gebracht: „Du spielst irgendwie
unglaublich muffig, aber ich mag die Holländer! Ich war mit einem holländischen Ingenieur verheiratet.“ - und fügte hinzu, sie würde versuchen, mein Leben zu retten. Und sie wolle mich Noten lesen lehren.
Wenn man diese Frau spielen hörte, war das einfach phantastisch. Sie war letztendlich auch eine Konzertgeigerin. Wenn sie spielte, hörten
die SS-Leute mit offenem Munde zu. Wenn sie wütend war, spielte sie in der Baracke Mendelssohns Violinkonzert ...
Zofia Cykowiak: „Nach Übernahme des Ensembles durch Alma wurde die Mehrzahl der miserablen Instrumente durch bessere ersetzt
(sie stammten aus jüdischen Transporten) ... die Dirigentin erhielt zu ihrer Verfügung eine kostbare Geige ... Je nach Bedarf .. erhielt das
Ensemble die benötigten Materialien direkt von der Lagerführung, vorwiegend vom Kommandanten Hössler .. Die Lagermachthaber besuchten unseren Block zu den Probezeiten, um Almas Spiel zu hören. Sie hatte in ihrem Repertoire viele Solopartien mit
Orchesterbegleitung. Mit Stolz wurden Gäste gebracht und eindeutig "prahlten" die SS-Männer mit dem Besitz des Frauenorchesters und
vor allem der Geigerin dieses Ranges .. Sie wurde mit einer - was die Lagerverhältnisse anbetrifft - unerhörten Höflichkeit, ja
geradezuWertschätzung behandelt. Von den Befehlshabern wurde sie mit "Frau Alma“ angesprochen, was absolut außergewöhnlich war.
Sie starb am 4. April 1944. Tags zuvor .. besuchte sie die Oberkapo .. Elsa Schmidt. Sie kam von dort torkelnd und halb ohnmächtig zurück.
Die ganze Nacht hindurch litt sie schrecklich. Am Morgen wurde sie mit Vergiftungserscheinungen .. in das Lagerhospital gebracht. Uns
wurde erlaubt, Alma den letzten Abschied zu geben. Sie lag vor dem Revierblock auf zusammengestellten Hockern, die mit weißen Laken
ausgelegt waren, und ihr Körper war ebenfalls mit einem Laken bedeckt. Das Gesicht und die Handflächen waren deutlich mit vielen kleinen
blauen Flecken übersät. Jemand legte ein paar grüne Zweige auf das Leichentuch (Anm.: „Jemand“ war Frau Cykowiak selbst). Ein solches „Begräbnis" war in einem KZ-Lager ein ungewöhnliches Ereignis.“
Alma Rosé - La vida breve
Alma Maria Rosé wurde am 3.11.1906 in Wien geboren. Ihre Mutter Justine war die Schwester von Gustav Mahler. Zum Freundeskreis der
Familie gehörten Musiker wie Leo Slezak, Felix von Weingartner, Bruno Walter, Arnold Schönberg, Richard Strauss und Hans Pfitzner. Der
Vater - Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst - unterrichtet sie früh im Violinspiel - und blieb wahrscheinlich ihr
einziger Lehrer. Um 1920 begann sie öffentlich aufzutreten. Am 16.11.1926 gab Alma unter der Leitung ihres Vaters zusammen mit dem
Staatsopernorchester ihr erstes „großes“ Konzert. Ernst Krenek bezeichnete ihr Musizieren „hochdiszipliniert“, Erich Korngold widmete ihr
eines seiner Werke. Alma war eine sehr tatkräftige, „überaus schöne Frau“. Sie besaß einen Führerschein; 1925 flog sie in einem offenen Flugzeug von Prag nach Wien.
Alma Rosé und Váša Prihoda - den Arnold Rosé sehr schätzte – heirateten am 16. September 1930 in Wien. Trauzeugen: Arnold Rosé und
Franz Werfel. Die Umstände sprechen für eine Liebesheirat, die sicher auch im gemeinsamen Violinspiel ein verstärkendes Band fand.
Violin-Konzert Vasa Prihoda
Eine Überra“chung brachte der Mittelteil: Bachs Konzert d-moll für zwei Violinen, für dessen Wiedergabe Prihoda “eine junge Frau (Alma
Prihoda-Rose) mitgebracht hatte. Das Kün`lerpaar brachte, im Verein mit dem ausgezeichneten Begleiter Otto A. Graef, die“es zeitlo“e Werk
den Zuhörern in einer Wei“e nahe, wie man es einfach nicht für möglich gehalten hätte. Prihoda hätte keinen be““eren Beweis für die zuchtvolle, ern`e Arbeit an “ich selb` ablegen können als mit die“er Interpretation.
Ihre Charaktere waren jedoch so verschieden, daß sich die Beziehung nach wenigen Jahren abkühlte. 1935 wurde die Ehe in Brandys nad
Labem geschieden.
Alma Rosé hatte bereits früher die Damenkapelle „Wiener Walzer Mädeln“ gegründet. Anni Kux, enge Freundin Almas, wurde
Konzertmeisterin. Karoline Rostal - Max Rostals zweite Frau - gehörte ebenfalls zum Ensemble: „Wir waren fesche Madeln - und obwohl wir
vor allem Walzer und solche Sachen spielten, dressierte uns Alma gehörig. Sie verlangte unerbittlich, daß wir auch diese leichten Stücke perfekt spielten .. Es war eine schöne Zeit.“
Nach dem „Anschluß“ Österreichs löste die Deutsche Reichskulturkammer die „Wiener Walzer Mädeln“ auf. Am 11.3.1941 wurde im
Personenregister Wien nachgetragen: „Die hier als Braut Verzeichnete hat im Sinne des §(?) der zweiten Verordnung zur Durchführung des
Gesetzes über die Änderung von Familiennamen u. Vornamen v. 17. August 1938 (RGBl.1 S1044) den Vornamen Sara zusätzlich zu führen.“
Arnold Rosé saß noch am 11. März 38 am Konzertmeisterpult der Staatsoper. Am 13. März trat das „Anschlußgesetz“ in Kraft. Durch die
„Arisierung“ wurden bei Philharmonie und Staatsoper elf Musiker, darunter Rosé, umgehend „pensioniert“.
Rosé an Carl Flesch: „Wie Sie richtig vermuten, bin ich nun nach 57 Jahren Oper, 56 Jahren Quartett und 44 Jahren Hofmusikkapelle in
den Ruhestand versunken, ohne Sang und Klang. Ich glaube, daß Sie mich genügend kennen, um zu wissen, daß mir Eitelkeit fremd ist,
aber daß man so plötzlich totgesagt wird, ist nicht zu fassen. Ab 1.Mai erwarte ich meine Vollpension, doch habe ich bis jetzt keine amtliche
Benachrichtigung erhalten. Mein kleines Vermögen ist während der Inflation in Nichts zerronnen, so daß ich meinen Lebensstandard auf
mehr als bescheiden herunterdrücken muß. - Ich bin im 75., meine Frau im 7o. Lebensjahr, da muß die Pension noch ein paar Jahre
langen. Das vieljährige Leiden meiner Frau trübt meine letzten Jahre, doch bin ich noch bei Gesundheit und habe nicht einmal den gewissen «Tatterich»!Ha, ha!“
Rosé wurde zum 1.7.38 ohne Pensions-Anspruch entlassen. Die „Reichskristallnacht“ (9./10. Nov. 38) war höchstes Alarmsignal, doch fehlte
zur Emigration das Geld. Carl Flesch ermöglichte Familie Rosé (2.5.39) und Alma Rosé (24.3.39) durch eine Sammlung die Emigration
nach England. Arnold Rosés Bruder und langjähriger Quartettpartner Eduard starb am 24.1.43 im Konzentrationslager Theresienstadt; Sohn Alfred entkam über Holland und die USA nach Kanada.
Via dolorosa
Alma Rosé zieht zurück nach Holland, das am 10.5.1940 durch deutsche Truppen überfallen wird. Alma taucht unter. Carl Flesch, 9.2.41:
„Liebe Alma, Sie sind wirklich ein couragierter Mensch, wenn man liest, was Sie alles durchgemacht haben. Sie besitzen eine Eigenschaft,
die gerade in dieser Zeit die Allerwichtigste ist: Mut und Anpassungsvermögen. Und es ist mir um Ihre Zukunft nicht bange. Dass es Ihrem
Vater verhältnismässig gut geht, hat uns besonders gefreut. - Was Sie wohl am meisten interessieren wird, ist, dass mein
Auswanderungsprojekt seit 2 Wochen auf solider Basis beruht, da ich vom Curtis Institute einen Kontrakt bekommen habe. Nun sind wir mit
der Ausreiseerlaubnis und der zur Benützung des Flugzeuges Berlin - Barcelona beschäftigt. Ob es uns letzten Endes gelingen wird, von
hier fortzukommen, ist zwar immer noch fraglich, aber immerhin möglich. Jedenfalls hören Sie noch von mir, falls eine Entscheidung fällt.
Sonst nichts Neues. Ichspiele noch zweimal in dieser Saison und halte außerdem noch eine Vorlesung in Leiden über Mozarts
Violinsonaten mit geigerischen Illustrationen. Meine Frau hatte eine leichte Grippe, befindet sich jedoch wieder wohl und ich beschäftige
mich so gut ich kann mit allem möglichen. Lassen Sie bald wieder von sich hören. Sie wissen ja, dass uns alles interessiert, was Sie angeht und bleiben Sie so guten Mutes wie bisher.
Mit den besten Grüssen auch von meiner Frau Ihr Flesch
Rainer Licht in ‘Musik im Exil’: „Ein Akt der deutlichen Opposition zum Besatzungsregime waren die zahlreichen illegalen Hauskonzerte ...
So gibt es z. B. Zeugnisse über eine Art »Tournee«, die die Geigerin Alma Rosé zwischen Januar 1941 und August 1942 in Privathäusern
vornehmlich in den westlichen Ballungsgebieten der Niederlande durchführte. Auf dem Programm standen Werke von Beethoven und Brahms, die von Juden nicht gespielt werden durften.“ Am 16. März 1941 spielt Alma in Utrecht Beethovens Kreutzer-Sonate, am 28. Dez.
1941 mit dem ungarischen Pianisten Geza Frid, wiederum die Kreutzer-Sonate, Bachs Chaconne und Debussys Violin-Sonate. Frid
begleitet Alma bei einem weiteren illegalen Konzert mit Werken von Franck, Brahms und Bach...“ - Alma geht mit Konstant August van
Leeuwen eine Scheinehe ein - sie wähnt sich mit einem „arischen“ Namen ungefährdeter ..
Flesch am 9.7.42: „Liebe Alma, Ich hatte mich schon sehr gewundert, so lange nichts von Ihnen zu hören. Die Nachricht von Ihrer
Verheiratung war mir allerdings von anderer Seite bekannt geworden. Wenngleich die Vorteile hier nicht so sind, wie Sie es gedacht haben,
so verleiht es Ihnen doch eine gewisse Sicherheit, die in der gegenwärtigen Zeit nicht zu unterschätzen ist. Und schließlich, Sie sind so
geschickt und rührig, dass Sie sich immer werden durchwurschteln können, bis einmal wieder geregelte Zeiten eintreffen werden. Machen
Sie sich keine Sorgen um Ihren Vater; es geht ihm sicherlich ganz gut. Ist er jetzt nicht gerade 80 geworden? - Von unsern Kindern haben
wir verhältnismäßig befriedigende Nachricht und was uns selbst betrifft, so sind wir gesund und ich beschäftige mich mit allem Möglichen so
gut ich kann. Infolge der beschränkten Reisemöglickeiten ist eine mündliche Aussprache für denkbare Zeit wohl unmöglich; wir senden
Ihnen daher auf diesem Wege unsere besten Wünsche für Ihr weiteres Wohlergehen. Mit unseren herzlichsten Grüßen
in bester Freundschaft Flesch
Als die Deportationen holländischer Juden beginnen, schreibt Alma am 7.8.42 an Carl Flesch:
„Sehr geehrter Herr Professor - Es gibt keinen andern Weg von Ihnen Abschied zu nehmen - damit wissen Sie alles! - Ich gehe - versuche
in die Freiheit zu kommen - sonst gehe ich zu Grunde. In diesem Moment möchte ich Ihnen noch einmal sagen - ich weiß, daß nur sie es
möglich machten, daß mein Vater in einem freien Land jetzt lebt - mehr kann kein Mensch auf der Welt für mich tun und doch haben Sie es
getan und die Gefühle die ich für Sie habe, brauche ich nicht nieder zu schreiben - die müssen Sie wissen. Werde ich Sie im Leben
wiedersehen? Gott schütze Sie beide - Seien Sie im Geiste umarmt Alma“
Sie flieht nach Frankreich, wird verhaftet und im „Auffanglager“ Drancy - nahe Paris - 6 Monate interniert. Laut Akten des SS-Hygiene Instituts
beginnt der Transport nach Auschwitz am 18.7. und endet am 20.7.43. Alma bekommt die Häftlings-Nr. 50381. Das Finale kennen wir.
Nach Almas Tod verliert das Orchester rapide an Niveau. Die Ostfront naht. Die jüdischen Musikerinnen werden am 31.10.44 nach
Bergen-Belsen, die „arischen“ am 18.1.45 ins KZ Ravensbrück und am 14.2. nach Neustadt-Glewe bei Schwerin deportiert. Am 15.4.45
befreien die Engländer Bergen-Belsen, am 2.5.45 übernimmt die sowjetische Armee das Lager Neustadt-Glewe. Herbst 1998 leben noch etwa 12 dieser Frauen – einige davon in Deutschland ...
Alma Rosé als Geigerin
Von 1970 bis 1998 konnte ich außer einer Aufnahme mit Bachs Doppelkonzert (1928) keinen weiteren Ton mit Alma Rosé ermitteln.
Verschiedene Geiger haben durch Vergleich mit Arnold Rosés Solo-Aufnahmen Almas Part übereinstimmend als „Violino concertato II“
identifiziert. Zwischen den Solisten herrsche – bis hin zu identischen Fingersätzen - stärkste Annäherung. Auffallend sei Arnold Rosés
Kompetenz beanspruchende Bestimmtheit und Almas - bei allem Respekt vor der väterlichen Leitfigur - unüberhörbarer Führungswille: die 22-jährige Tochter war dem 65-jährigen Vater ebenbürtig.
Das verbürgte Repertoire verlangt als Interpreten mehr als nur „tüchtige“ Geiger. Wir können bei Alma sehr sicher von einer Geigerin
sprechen, bei der Musikalität, Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Musik, Disziplin und überdurchschnittliches technisches Potential in glücklicher Balance zueinander standen.
Váša Příhoda - zwischen allen Stühlen
Man warf Prihoda vor, er habe sich 1935 aus purem Opportunismus von Alma scheiden. Sein Wirken in Deutschland und in besetzten
Gebieten bis gegen Kriegsende mag sogar dafür sprechen. Gewichtiger Einwand: Prihoda war von 1937 bis 1943 wiederum mit einer Jüdin verheiratet! Dazu ein Zitat aus dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15. September 1935: „§1(1)
Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind. - §5(1): Wer dem Verbot des §1
zuwiderhandelt, wird mit Zuchthaus bestraft.“
Nach Kriegsende setzten Kampagnen gegen Příhoda ein, so auch von der
„Wiener Zeitung“ :
Protest gegen Váša Prihoda
Zu unserem größten Befremden lesen wir in den Ankündigungen der Konzerthausgesellschaft, daß Váša Prihoda in Bälde vor das Wiener
Konzertpublikum zu treten gedenkt. Wir hoffen, es bleibt bei der Absicht, denn wir können uns nicht denken, daß die Wiener das Konzert eines Mannes besuchen, der den Tod seiner Frau auf dem Gewissen hat.
Váša Prihoda war bekanntlich mit der Wiener Geigerin Alma Rosé, der Tochter Arnold Rosés, verheiratet, die rassisch nicht den
Anforderungen des Dritten Reiches entsprach. Er ließ sich sofort und ohne Bedenken nach Ausbruch des braunen Regimes scheiden, um
seine Karriere zu sichern und hat seine Frau den nationalsozialistischen Mordgesellen preisgegeben. Alma Rosé starb in Auschwitz, und
Váša Prihoda - rechnet mit der Vergeßlichkeit der Menschen. Er rechnet falsch, denn Wien hat nicht die geringste Lust, soviel
Charakterlosigkeit einfach zur Kenntnis zu nehmen. Wir glauben, daß schon die Konzertveranstalter Váša Prihoda die Peinlichkeit
abnehmen werden, die Meinung Wiens über seine Schäbigkeit genauer kennenzulernen. Sie sei daher hier klar ausgedrückt: Wir wollen Herrn Prihoda in Wien weder hören - noch sehen.“
Folge-Reaktion der Konzertdirektion Voss am 2.1.46:
„Sehr geehrter und lieber Herr Professor Prihoda,
es ist mir sehr unangenehm, Sie heute bitten zu müssen, die geplanten Wiener Abende zunächst nicht zu geben. Es erschien nämlich am
Montag beifolgender Artikel und sind gleich mir massgebende Persönlichkeiten der Ansicht, dass erst eine Klärung der überaus peinlichen
Situation erfolgen muss, damit Ihr Erscheinen keinem Widerspruch begegnet. Vielleicht erhalte ich von Ihnen einen Brief mit aufklärenden
Daten, wenn Sie dies für angemessen halten. Bitte freundlichst mir meinen Brief bestätigen zu wollen.
Es grüßt Sie vielmals Ihr sehr ergebener (Unterschrift)“
Prihodas Stellungnahme am 29.5.46:
Lieber Herr K..
Herr H., der meine Gesamtvertretung übernommen hat, gab mir Kenntnis von ihrem Schreiben vom 20. Mai. Zu der von Ihnen übersandten
Zeitungsnotiz möchte ich folgendes bemerken: Meine Ehe mit Frau Alma Rosé wurde schon vor dem Jahr 1933, und zwar durch
gerichtlichen Akt, getrennt. Die endgueltige Scheidung wurde entsprechend den tschechischen Gesetzen 18 Monate später, im Jahre 1934
ausgesprochen. Zu dieser Zeit gab es in unserem Land noch keine Rassengesetze. Es ist daher nichts als boeswillige Erfindung, unsere
aus rein persoenlichen Gruenden erfolgte Scheidung mit solchen Gesetzen in Zusammenhang bringen zu wollen, und es ist absurd zu
behaupten, dass ich mich haette scheiden lassen, „um mir die Gunst des Naziregimes zu erhalten.“
Wenn es in der Zeitungsnotiz weiter heisst: „Frau Prihoda wurde dann nach Auschwitz deportiert und ist dort umgekommen“ so
habe ich hierzu zu bemerken, dass Frau Rosé im Jahre 1937 mit ihrem Vater von Wien nach London auswanderte, wo sie mehrere Jahre
lebte. Trotz der Warnungen ihrer Freunde hat sie sich leider im Jahre 1940 bestimmen lassen, eine Tournee nach Holland anzunehmen, wo
sie von dem Einbruch der Deutschen ueberrascht wurde. Nachdem sie laengere Zeit in Holland verborgen gehalten worden war, wurde sie schliesslich gelegentlich eines Ausgangs von den Deutschen verhaftet.
Unter diesen Umstaenden zu behaupten, wie es in dem Zeitungsartikel geschieht, dass „ich den Tod meiner Frau auf dem Gewissen habe“,
ist eine Ungeheuerlichkeit, die sich von selbst richtet. Ich stelle es Ihnen frei, von dieser Erklaerung jeden Gebrauch zu machen, den Sie
fuer angebracht halten. Wenn Sie aber glauben, dass Ihre Taetigkeit fuer mich in der Schweiz Ihnen irgend welche Unannehmlichkeiten
bringen koennte, so bitte ich Sie, dies mir oder Herrn H. offen zu sagen. Unter diesen Umstaenden koennte ein weiteres
Zusammenarbeiten weder Ihren noch meinen Interessen dienen. Mit besten Grüßen (Unterschrift)“
Prihoda war noch nicht detailliert genug informiert gewesen. Wer sich erinnern kann, weiß, wie bruchstückhaft die Nachrichten über die
wahren Verhältnisse in KZ‘s zutagetraten. Auch hatten weite Kreise gar kein Interesse an einer Aufklärung. Bis heute enthält kein Lexikon die Stichworte Alma Rosé oder Frauenorchester Auschwitz ...
Am 28.9.46 vermeldet das „Das Wiener Volksblatt“ zwischen Sport- und Gesellschafts-Nachrichten:
Váša Prihoda rehabilitiert
Gegen den tschechischen Violinvirtuosen Prihoda wurde der Vorwurf erhoben, daß er seine jüdische Gattin Alma Rosé aus rassepolitischen
Gründen preisgegeben habe. Es wurde behauptet, daß Prihoda sich von seiner Frau aufgrund seiner nazifreundlichen Einstellung und
seinem Bedürfnis, den Behörden des Dritten Reiches zu gefallen, scheiden ließ und daß Alma Rosé auf Grund dieser Trennung von ihrem
arischen Gatten ins Konzentrationslager gebracht und dort schließlich ermordet wurde. Demgegenüber steht die jetzt bekanntgewordene
Tatsache, daß das Kreisgericht für Zivilsachen in Prag am 9. März 1935 die Ehe Váša Prihoda - Alma Rosé für getrennt erklärte. Außerdem
hat sich der Künstler in Prag einer Sonderkommission gestellt, die über sein Verhalten während der Nazizeit zu urteilen hatte und ihm das Zeugnis der vollkommenen politischen Unbedenklichkeit ausstellte.
27.10.46: nach einem Frankreich-Konzert setzt sich Příhoda nach Rapallo ab. 1948: wegen andauernder Schikanen der italienischen
Behörden nimmt er die türkische Staatsbürgerschaft an! 1949: Konzerte in USA, Schweiz, Deutschland und Österreich. 1950: Professur an
der Musikakademie Wien. Juli 1954: Armbruch bei Unfall. Januar 1955: konzertiert wieder in ganz Europa - mit Ausnahme der Tschechei!
1956: Einladung zum „Prager Frühling“. Ausmaß des Enthusiasmus anläßlich des Konzertes am 30. Mai 1956 im Smetana-Saal kaum
vorstellbar: nicht eingelassene Musikfreunde klettern an den Fassaden hoch und stehen während des Konzertes in den Fensteröffnungen.
Prihoda: nach 12 Jahren Trennung sei das Wiedersehen mit Schwester Ruzenka, Verwandten und Freunden am wichtigsten gewesen..
26.7.60: Prihoda stirbt an den Folgen eines Herzinfarktes.
Wolfgang Wendel

Anfang 2003 ist im Weidle-Verlag Richard Newmans Alma-Rosé-Biographie in
deutscher Sprache erschienen.
Siehe Links und Weidle-Verlag
Der SWR stellte das Buch wie unten wiedergegeben vor unter http://www.swr.de/nachtkultur/archiv/2003/05/02/beitrag2.html
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Die Dirigentin des "Mädchenorchesters von Auschwitz"
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Alma Rosé (1906 - 1944) hatte eine
glänzende Zukunft als Musikerin vor Augen. Die Nichte von Gustav Mahler wollte bereits als Kind eine große Geigerin werden und machte ihre Leidenschaft zum Lebensinhalt. 1932 gründete sie das Damenorchester ”Die Walzermädeln" und tourte mit dem Ensemble, das durch sein hohes musikalisches Niveau auffiel, durch ganz Europa.
Durch den Nationalsozialismus musste die jüdische Familie nach
London emigrieren. Alma trat weiterhin in Holland auf, bis es zu spät war und sie nicht mehr nach London zurück konnte. Im Dezember 1942 wurde sie von der Gestapo verhaftet und schließlich nach Auschwitz deportiert. Bis zu ihrem Tod im April 1944 leitete sie dort das “Mädchenorchester von Auschwitz". Obwohl es überwiegend aus Laien bestand, formierte Alma Rosé aus ihnen ein Orchester, das im Lager immer unverzichtbarer wurde und vielen das Überleben sicherte. Sie selbst starb an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung.
Über 20 Jahre lang hat der kanadische Musikkritiker Richard Newman für das Buch über Alma Rosé
recherchiert und jetzt die umfangreiche Biografie vorgelegt. Das Vorwort hat Anita Lasker-Wallfisch geschrieben. Sie war die Cellistin des Orchesters. Nachtkultur hat sie in Berlin getroffen.
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Richard Newman (mit Karen Kirtley) Alma Rosé: Wien 1906 - Auschwitz 1944 Eine Biographie
Mit einem Vorwort von Anita Lasker-Wallfisch Ca. 500 Seiten Literatur- und Kunstverlag Weidle, ISBN: 3-931135-66-7, € 34,--
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